Für die kirchlich Interessierten unter den Blogleser:innen

Religion spielt eine große Rolle in Indien und in Kerala, auch die jungen Menschen sind sehr religiös, und die Kirchen und Tempel sind immer gut besucht. Über 55 % sind Hindus, 24% Muslime und etwas über 18% Christen. Hier in Tiruvalla gibt es offenbar viele Christen, denn an jeder Ecke findet man eine Kirche, Kapelle, einen Ashram, ein kirchliches College, eine Schule, Hostel oder ein kirchliches Krankenhaus. Da ich hier in einem christlichen Ashram untergebracht bin, den man vielleicht mit einem deutschen Kloster vergleichen könnte, und viel von den Traditionen mitbekomme, habe ich mich ein bisschen genauer mit dem christlichen Kerala auseinandergesetzt.

Syro-malankarisch, syro-malabarisch oder lateinisch?

Das sind die drei Riten für Gottesdienstfeiern der katholischen Kirche in Kerala. Auch wenn ich nicht katholisch bin, habe ich an Gottesdiensten nach allen drei Riten teilgenommen und einen eindeutigen Favoriten.

Syro-malankarisch

Der öffentliche Gottesdienst jeden Morgen von halb sieben bis halb acht (sonntags und Festtagen bis um acht) wird nach syro-malankarischem (west-syrischem) Ritus gefeiert. Diese Gottesdienste sind voller Symbolik und hörten sich anfangs für meine Ohren richtig fremd an. Die syro-malankarische Kirche ist eine Ostkirche und mit der römisch-katholischen Kirche verbunden.

Die Liturgen stehen mit dem Rücken zu den Menschen, immer mit Blick zum Altar, der nach Osten ausgerichtet ist. Der ganze Gottesdienst, die Holy Mass, wird in einem lauten Wechselgesang mit der Gemeinde abgehalten, in Malayalam, der Landessprache Keralas, und es gibt immer eine oder mehrere verstärkte Vorsängerinnen.

Der Altarraum ist mit einem Vorhang verhängt, der vor dem Gottesdiensts aufgezogen und danach wieder zugezogen wird
Es gibt zwei Altäre, eine Art Hochaltar, vor dem der Liturg mit dem Rücken zu den Menschen steht und ein kleiner Altar

Frauen stehen oder sitzen mit bedecktem Kopf auf der rechten Seite, Männer auf der linken. Alle lassen ihre Schlappen vor der Kirche und betreten die Kirche barfuß.

Am einem Sonntag hat mich P. Antony in seine Gemeindekirche mitgenommen, etwa 10 km außerhalb von Tiruvalla in einem kleinen Ort gelegen.

Im Mai neu eingeweihte Kirche
Der prachtvolle Altarraum befindet sich hinter dem Vorhang.

Der Vorhang wurde, nachdem er geöffnet war, nach einer halben Stunde wieder geschlossen. Meine Begleiterin, eine Schwester aus dem benachbarten Ashram sagte, das sei nur das Anfangsgebet gewesen. Der Gottesdienst beginne jetzt. Er hat dann noch weitere 1,5 Stunden gedauert mit Gesang, Weihrauch, Glocken und Schellen, einem Tuch, das durch die Bewegung den heiligen Geist ausdrücken sollte. Das Ganze war wie auch hier im Ashram sehr mystisch und wirkte auf mich leicht hypnotisierend, zumal ich außer Halleluja, Kyrie Eleison und Amen kein Wort davon verstanden habe.

Zur Predigt (auch in Malayalam) hat sich P. Antony zu uns umgedreht, und ich habe wieder inhaltlich nichts mitbekommen außer „WhatsApp, Facebook, Instagram und E-Mail“.

Wie bei jedem Gottesdienst wurde das Abendmahl ausgeteilt, und die Menschen sind danach noch einmal nach vorne gegangen, um die Hand zum Segen aufgelegt zu bekommen.

Am Ende des Gottesdienstes hat P. Antony mich öffentlich seiner Gemeinde vorgestellt, was mich leicht verlegen gemacht hat.

P. Antony mit ein paar Gemeindemitgliedern

Syro-malabarisch

Beim syro-malabrischen (ost-syrischem und auch mit Rom verbundenem) Ritus, den P. Antony an einem Tag mit seinem Kollegen aus dem benachbarten College MACFAST gefeiert hat, steht der Priester mal mit dem Rücken, mal mit dem Gesicht zur Gemeinde. Es waren zwei Sängerinnen aus dem College dabei, die wunderschön gesungen haben, richtig zu Herzen gehende Lieder mit schönen Melodien, instrumental unterlegt, nicht nur der manchmal etwas monotone Wechselgesang. Das einzige, was mir gefehlt hat, war der persönliche Segen.

Lateinisch

Der lateinisch genannte Ritus ist ähnlich wie in der deutschen katholischen Kirche. Der Gottesdienst wird auch in der Landessprache Malayalam abgehalten, und es wird sehr viel weniger gesungen und viel mehr gesprochen. Dieser Ritus wirkt gegenüber den anderen beiden fast nüchtern.

Jeden Tag um sieben Uhr morgens wird im Institut ein kurzer Gottesdienst nach diesem Ritus in deutscher Sprache mit den Schülerinnen und Schülern gefeiert.

Die Kapelle im Institut

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3 Gedanken zu „Für die kirchlich Interessierten unter den Blogleser:innen“

  1. Liebe Sigrid,
    das ist ja interessant mit den verschiedenen Gottesdiensten. Dann kann Du als erfahrene Kirchenfrau zwischen den verschiedenen Varianten wählen. Ist der Kirchgang denn für die Gläubbigen Pflicht oder bleibt es jedem selbst überlassen, ob und wann er den Gottesdienst besucht?
    Dann noch eine gute Woche.
    Lieben Gruß
    Gert

    1. Lieber Gert, danke für deinen Kommentar. Zum Gottesdienst zu gehen ist keine Pflicht, außer für die Schüler:innen hier, zu dem halbstündigen Gottesdienst am Morgen. Aber sie sind sehr gläubig und gehen auch so. Dir auch noch eine gute Woche!

      1. Liebe Sigrid,
        nun bist Du aber fleissig mit Blog schreiben, man kommt kaum hinterher. Die Bootstour war bestimmt ein Erlebnis. Mit Indien verbindet man gar nicht so eine üppige Vegetation.
        Heute Abend war ich auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt, bei dem der Chor von Karin Weihnachtslieder gesungen hat. Das war sehr schön. Anschließend habe ich noch mit Angie Schupfnudeln mit Sauerkraut gegessen, war sehr lecker.
        Bis bald.
        lieben Gruß
        Gert

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