Gestern haben wir Aleena, eine Lehrerin, im Haus ihrer Großmutter besucht. Das nehme ich zum Anlass, ein paar Worte über „Familie“ in Kerala zu schreiben.

Wie in ganz Indien spielt auch in Kerala die Familie eine große Rolle. Wenn ich jemanden neu kennenlerne, ist eine der ersten Fragen, wer alles zu meiner Familie gehöre. Dann nenne ich natürlich alle Familienmitglieder. Hier wird ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass alle Genannten in einem Haus leben.
Es ist Tradition, dass, wenn der älteste Sohn heiratet, seine Frau dann mit ins Haus seiner Eltern, also zu ihren Schwiegereltern zieht. Die Eltern bleiben in der Regel bis zu ihrem Lebensende im eigenen Haus und werden, wenn sie alt sind, von der Schwiegertochter und dem Sohn versorgt.
Auch noch heute werden Ehen oft von den Eltern bzw. der Familie arrangiert, aber es gibt immer mehr „love marriages“, bei denen sich das Paar findet.
Es regt sich auch Widerstand unter jungen Leuten, vor allem unter gebildeten Frauen. Und dass viele Leute in die Golfstaaten oder nach Deutschland auswandern, trägt mit dazu bei, dass das Familiengefüge brüchig wird. Auch für einige meiner Kursteilnehmer:innen ist diese Lebensweise zu eng, und sie erhoffen sich von einem Aufenthalt in Deutschland mehr Freiheit und Eigenständigkeit.
Die Vereinzelung, wie wir sie kennen, gibt es hier kaum. Die Menschen leben eng zusammen. Das gibt einerseits Sicherheit, Fürsorge und Geborgenheit, andererseits verhindert es eigene Erfahrungen und Entscheidungen. Das Zusammenleben hat ziemlich strenge Regeln, denen sich alle unterwerfen. Auch hier im Institut sind diese Regeln spürbar, wenn z. B. die jungen Menschen aufstehen, wenn ich vorbeikomme.
Älteren Menschen und sozial Höherstehenden wird sehr viel Respekt entgegengebracht. Das ist ein Unterschied zu Deutschland, wo ja die Jugend als Maßstab genommen wird.
Hatten wir gerade im Malayalam-Unterricht gelernt, dass Kinder ihre Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten siezen, da sagte eine Kursteilnehmerin, deren Eltern Malayalis sind, es sei extrem unhöflich, die Eltern zu siezen. Sie spreche ihre Mutter in der dritten Person an. Sie fragt ihre Mutter beispielsweise „Möchte Mutter noch ein bisschen Reis?“ und nicht „Möchten Sie…?“ Geschweige denn „Möchtest du…?“ Die Lehrerinnen, die ich dazu gestern befragt habe, haben das bestätigt.
Dass alte Menschen in Altersheimen leben, wie hier die Männer zum Beispiel, ist eher die Ausnahme. Diese etwa 25 Männer haben keine Angehörigen, die sich um sie kümmern könnten.
Beim Gottesdienst hilft immer ein älterer Mann aus der Nachbarschaft, der alleine lebt, weil seine Frau gestorben ist und alle drei Töchter verheiratet sind und bei den Schwiegereltern leben. Er hat keinen Sohn, der sich um ihn kümmern würde. Auch er ist eher eine Ausnahme.
Es gibt keine Krankenversicherung, und auch zum Beispiel bei einem Aufenthalt im Krankenhaus übernehmen die Angehörigen Aufgaben, die bei uns vom Krankenhaus oder öffentlichen Stellen übernommen werden, wie die Kranken mit Essen oder Medikamenten zu versorgen.

Aleenas Tante ist mit ihrem kleinen Sohn wieder zu ihrer Mutter gezogen, weil ihr Mann in den Golfstaaten arbeitet.
Viele Alternativen zu einer Heirat gibt es nicht. Unverheiratet zusammenleben undenkbar, vielleicht in großen Städten. Gleichgeschlechtliche Ehe unmöglich. Als Frau oder Mann allein zu leben ist möglich, aber wenige tun das freiwillig.
Die Pater im Ashram dagegen haben bewusst einen anderen Weg gewählt. Sie leben im Ashram eine Gemeinschaft, die ich als sehr unterstützend und wohltuend erlebe.
Auch die Lehrerinnen und Schülerinnen und Schüler leben eine Art Gemeinschaft, die ihnen in Deutschland sicherlich fehlen wird.

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Ja, das stimmt, Großfamilien gab es bei uns früher auch.
Der Grund für eine Auswanderung ist aber doch überwiegend finanzieller Art. Der Verdienst ist hier sehr gering. Und die Menschen sehr gebildet. Kerala hat die höchste Alphabetisierungsrate (94% im Vergleich zu 74% in ganz Indien), vor allem Frauen sind gut ausgebildet und werden gefördert.